Wundversorgung, Wundmanagement

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Was ist Wundversorgung? Definition:

Die Wundversorgung ist die Behandlung sowohl akuter als auch chronischer Wunden, mit dem Ziel, die Abheilung zu unterstützen.

Auch oft gesucht: Wundversorgung, Wundbehandlung, Wundtherapie, Wundmanagement




Versorgung von Akutwunden

Wundreinigung chronischer Wunden


Bei der Versorgung akuter Wunden steht die Blutstillung an erster Stelle, als unmittelbare Reaktion auf die Verletzung. Anschließend erfolgt die Weiterversorgung, um die Abheilung zu unterstützen und Komplikationen zu vermeiden.

Versorgung chronischer Wunden

Die Versorgung chronischer Wunden gestaltet sich deutlich schwieriger als die akuter Wunden.

Bei einer chronischen Wunde ist die Abheilung gestört. Die Störfaktoren können unterschiedlicher Natur sein, angefangen über z. B. das Alter des Betroffenen, die Durchblutungssituation, vorbestehende Erkrankungen, Infektionen, Malnutrition usw.

Im Bereich der Versorgung chronischer Wunden unterscheidet man die kurative und palliative Wundversorgung.

Kurative Wundversorung

Bei der kurativen Wundversorgung werden alle Kausaltherapien (Ursachenbehandlung) und lokalen Wundversorgungsmöglichkeiten ausgeschöpft, mit dem Ziel der Abheilung, sofern diese möglich ist.

Palliative Wundversorgung

Bei der palliativen Wundversorgung liegt die Zielausrichtung nicht mehr bei der Abheilung der Wunde, sondern der Fokus richtet sich auf die Verbesserung bzw. den Erhalt der Lebensqualität durch Symptomkontrolle und Symptomlinderung durch Symptommanagement.

Allgemeine Grundsätze

  • Bei der Wundversorgung sollte darauf geachtet werden, dass bei jedem Verbandswechsel die Wundtemperatur stark absinkt. Bei Temperaturen unter 28°C in der Wunde, ist keine Wundheilung mehr möglich, aufgrund der fehlenden Zellaktivität. Deshalb sollte jeder Verbandswechsel so zügig wie möglich durchgeführt werden.
  • Um der Wunde möglichst ausreichend Wundruhe zu gewähren, sollten nur so viele Verbandswechsel wie nötig durchgeführt werden. Das heißt, je weiter die Wundheilung voranschreitet, desto weniger Verbandswechsel sind nötig und desto mehr verlängern sich die Verbandswechselintervalle.
  • Wundversorgung kurativ_palliativ_S. Danzer
    Bei der Auswahl der entsprechenden Wundauflage, sollte nach folgenden Kriterien vorgegangen werden:
    • Wundtyp
    • Wundheilungsphase
    • Exsudationsmenge
    • Größe und Tiefe der Wunde
    • Vorliegende Wundinfektion
    • Vorhandene Allergien auf Verbandstoffe
    • Wundränder
    • Wundumgebungshaut / Hautsituation
    • Berücksichtigung vorhandener Strukturen, wie Knochen, Gelenke, Sehnen, Bänder
    • Wundlokalisation
    • Schmerzen
    • Geruchsbindung
    • Kosten / Nutzen
    • Verwendbarkeit auf Grundlage des Medizinproduktegesetzes (MPG)
  • Kriterien zur Umstellung einer lokalen Wundtherapie:
    • Beginnende bzw. manifeste Wundinfektion liegt vor
    • Unzureichendes Exsudatmanagement
    • Fortschreitende Wundheilung mit Veränderung der Wundheilungsphase
    • Allergie auf Verbandstoff
    • Stagnierende Wundheilung
    • Verschlechterung des Wundzustandes
    • Schmerzen

Lokale Wundtherapie

Die lokale Wundtherapie umfasst alle Maßnahmen, die an der Wunde oder im unmittelbaren Umfeld durchgeführt wird.

Dazu gehören die Wundreinigung, Wundversorgungsprodukte wie Wundauflagen sowie lokale Maßnahmen zur Unterstützung der Wundheilung.

Wichtig dabei ist zu beachten, dass nur 10% durch geeignete Wundauflagen erreicht werden kann, sodass immer der Kausaltherapie (also die Behandlung der Entstehungsursache) eine große Bedeutung zukommt. Zum Beispiel wird ein Ulcus cruris (Unterschenkelgeschwür) venosum, als Symptom einer chronisch venösen Insuffizienz, nicht abheilen, wenn keine Ursachentherapie im Sinne der Wiederherstellung bzw. der Verbesserung des venösen Rückflusses erfolgt. Ein Dekubitus wird nicht abheilen, solange die Wunde nicht druckentlastet wird, da hier die Ursache für die Wundentstehung eine lokale Drucküberbelastung, ggf. in Kombination mit Scherkräften sein, ist.


Heutzutage folgt man dem Prinzip der hydroaktiven Wundbehandlung. Hydroaktiv bedeutet in diesem Fall, dass Wundauflagen verwendet, die ein sog. ideal-feuchtes Milieu in der Wunde erzeugen, in dem sich Zellen problemlos fortbewegen und teilen können.

Trockene Wundversorgung

Darunter versteht man die Heilung an der Luft, Heilung mit Pflaster oder trockenem Verband.

Da kein ideal-feuchtes Milieu besteht, ergeben sich folgende Probleme:

  • Krustenbildung, als Hindernis für neugebildete Zellen (insbesondere einwandernde Epithelzellen)
  • Natürliche Stoffwechselprozesse werden behindert
  • Dehydrierter Wundgrund
  • Verzögerte Wundheilung
  • Erhöhtes Risiko für mehr Narbengewebe
  • Erhöhtes Risiko für Infektionen, da sich auch wichtige Immunabwehrzellen nicht in Trockenheit fortbewegen können.

Feuchte Wundbehandlung

Feuchte Wundversorgung wird häufig auch hydroaktive Wundbehandlung genannt.

Hierbei werden Wundauflagen benutzt, die ein physiologisches Wundklima erzeugen, in dem Zellen aktiv sein können. Das heißt, die Wunde verfügt über ausreichend Feuchtigkeit und kühlt nicht aus.

  • Keine Kruste, kein Spannungsschmerz
  • Optimales Mikroklima
  • Schnellere Bildung von neuen Gewebezellen
  • Neue Gewebezellen erreichen ohne Hindernis die geschädigten Stellen
  • Förderung der natürlichen Wundheilung (verbesserter Nährstoff-Transport, verbesserte Freisetzung von Wachstumsfaktoren und Botenstoffen)
  • Schnelle Wundheilung
  • Reduziertes Narben-Risiko, d. h. es wird weniger Narbengewebe ausgebildet.
  • Reduziertes Infektionsrisiko

Die Schaffung des ideales Klimas in der Wunde ist nur möglich, wenn bei der Auswahl der Wundauflagen die oben genannten Kriterien berücksichtigt werden.


Wundreinigung

Unter Wundreinigung versteht man die Abtragung von avitalem Gewebe, Nekrosen, Belägen und/oder Entfernung von Fremdkörpern bis an intakte anatomische Strukturen heran unter Erhalt von Granulationsgewebe. Weitere Begriffe für Wundreinigung sind Débridement, Wundtoilette und wound bed preperation.

Die Wundreinigung hat folgende Effekte:

  • Unterstützung der körpereigenen Reinigungsvorgänge
  • Verringerung der Keimlast durch Entfernung von abgestorbenem Gewebe
  • Verringerung von Biofilmen auf der Wunde

Debridementarten

Chirurgisches Debridement

Hierbei handelt es sich um die schnellste und effektivste Art der Wundreinigung. Dabei werden Nekrosen und Beläge von der Wundoberfläche entfernt. Dies geschieht mit einem Skalpell und einer Pinzette oder einer Ringkürette, Shaver oder Hydrochirurgie. Nicht empfehlenswert ist die Verwendung eines scharfen Löffels.

Partiell-unblutiges Debridement

Bei dieser Art der Wundreinigung, werden nur nekrotische Anteile entfernt. Das heißt, die Prozedur wird „am Bett“ durchgeführt, da hier nicht bis ins gesunde Gewebe geschnitten wird. Unterstützend zur Schmerzlinderung während des partiell-unblutigen Debridement können lokalanästhesierende Cremes verwendet werden, die speziell für diese Indikationsstellung zugelassen sind. Je nach Einrichtung und Möglichkeiten, kann das Verfahren in Kurznarkose durchgeführt werden.

Radikal-blutiges Debridement

  • Hierbei wird großzügig und tief bis ins gesunde Gewebe geschnitten. Das radikal-blutige Debridement sollte nur im OP unter Narkose/Schmerzausschaltung und mit Möglichkeit zum Einsatz von Blutstillungsmethoden durchgeführt werden. Da tief bis ins gesunde Gewebe geschnitten wird, kommt es zur Entstehung großer Wundflächen.

Hydrochirurgisches Debridement

  • Mithilfe eines Wasserstrahls, der mit hohen Druck durch eine Düse gepresst wird, wirkt der komprimierte Wasserstrahl wie ein Skalpell, mit dem sich Nekrosen entfernen lassen.

Mechanisches Debridement

  • Wundreinigung durch mechanische Einwirkung (z. B. mit steriler Kompresse, Wundspüllung, Wunddusche mit Sterilfilter, Mikrofaserpads, grob-/gemischtporige Schwämme, mit Pinzette) zur Entfernung von Nekrosen, Detritus (Zell- und Gewebetrümmer), Fremdkörper, Verschmutzungen, Verbandsreste, Mikroorganismen.
    Übersicht Debridementarten_S.Danzer

Enzymatisches Debridement

  • Unterstützung der Wundreinigung unter Zuhilfenahme von Enzymen (Proteasen). Mögliche Produkte:
    • Clostridientoxinhaltige Salbe
    • Enzym-Alginogele
    • Bromelain (Enzym aus der Ananas)

Autolytisches Debridement

Hierbei kommt es, durch die Schaffung eines feuchten Wundmilieus, zum Aufquellen von avitalem (abgestorbenem) Gewebe. Dieses wird durch körpereigene Enzyme (Proteolyse) verflüssigt und mit dem Exsudat aus der Wunde ausgespült bzw. bei der Wundreinigung entfernt.

Mögliche Produkte:

  • Hydrogele
  • Alginate
  • Hydrofaserverbände auf Cellulosebasis (Alginate und Hydrofaserprodukte bilden unter Aufnahme von Wundexsudat ein Gel bzw. quellen gelartig auf, binden Detritus. Dies führt zur Unterstützung der Autolyse.)
  • Gelbildende hydroreinigende Polyacrylatfasern binden, absorbieren und entfernen fibrinöse Beläge beim Verbandwechsel.
  • Polyurethanschäume mit einem Tensid (Poloxamer F68). Diese unterstützen das Aufweichen von Belägen sowie Nekrosen unter Einbindung von Flüssigkeit; erleichtern somit die mechanische Entfernung.

Biochirurgisches Debridement

Auch Madentherapie genannt. Durch die im Larvenspeichel enthaltenen proteolytischen (eiweißspaltende) Enzyme werden Nekrosen und Beläge verflüssigt, wodurch es zur Wundreinigung kommt. Verwendet werden die steril gezüchtete Larven der Goldfliege (Lucilia sericata).

Mögliche Produkte:

  • BioBag
  • VitaBag
  • Freiläufer

Ultraschall-assistierte Wundreinigung (UAW)

Beim Ultraschall-Assistierten Wunddebridement (UAW) werden die Effekte der Kavitation genutzt, um Wunden selektiv zu debridieren. Das Phänomen der Kavitation beschreibt die Entstehung und Auflösung von dampfgefüllten Hohlräumen (Blasen) in Flüssigkeiten. Kavitation entsteht durch Schwingungen des UAW-Handstückes mit Ultraschallfrequenz von 25 kHz in einer Spülflüssigkeit . Hierfür werden spezielle Ultraschallgeräte zur Wundreinigung benutzt.

Osmotisches Debridement

Wirkprinzip: Schaffung eines Konzentrationsgefälles von Molekülen in der Wunde durch geeignete Wundauflagen bzw. Produkte. Der darauf vom Körper eingeleiteten Konzentrationsausgleich entsteht durch vermehrtes Einströmen von Wundflüssigkeit. Dadurch kommt es zum Aufweichen/Durchweichen des nekrotischen Gewebes und zur Unterstützung der autolytischen Wundreinigung.

Mögliche Produkte:

  • Produkte zur Nasstherapie mit Polyacrylat-Wundkissen
  • Hydropolymergelverbände
  • Honigprodukte
  • Hypertone Gele

Wundheilungsbeeinflussende Faktoren

Hierbei handelt es sich um Faktoren, die direkt oder indirekt einen Einfluss auf die Wundheilung ausüben.

Adipositas

Starkes Übergewicht führt zu unterschiedlichen Situationen, die die Wundheilung beeinflussen. Bei adipösen Patienten verschlechtert sich die Sauerstoffversorgung in allen Geweben, da die Auswurfleistung des Herzens für eine adäquate Durchblutung nicht ausreicht. Dies hat somit Auswirkungen auf die Wundheilung, da diese von einer guten Blutzufuhr abhängig ist, die Sauerstoff und Nährstoffe ins Gewebe bringt.

Postoperativ erhöht sich bei adipösen/batriatrischen Patienten das Risiko für eine Wundheilungsstörungen, z. B. in Form einer Dehiszenz oder auch durch die Entstehung von Wundinfektionen, insbesondere, wenn sich die Nähte in Hautfalten befinden oder von diesen bedeckt werden.

Allgemeinzustand

Je schlechter der Allgemeinzustand ist, desto schlechter ist auch die Wundheilung. Das liegt zum einen, dass der Körper nicht in der Lage ist, die energiereichen Wundheilungsvorgänge aufrechtzuerhalten, zum anderen ist das Immunsystem beeinträchtigt, welches für die Steuerung der Wundheilungsprozesse wichtig ist.

Erst wenn sich der Allgemeinzustand verbessert, was unter Umständen nicht mehr möglich ist (je nach Erkrankung), verbessert sich auch die Wundheilung und die daraus resultierende Wundsituation wieder.

Alter

Im Alter nehmen bei jedem Menschen sowohl die Zellteilungsrate als auch die Regenerationsfähigkeit ab, sodass ich die Wundheilung verzögert. Dazu kommt, dass die Hautelastizität und die Kollagenerneuerung reduziert sind, was die Wundheilung ebenso negativ beeinflusst. Zum einen während der Granulationsphase, aber auch während der Epithelisierungsphase.

Zudem ist davon auszugehen, dass bei den meisten alten Menschen eine Multimorbidität besteht, d. h. in der Regel liegen mehrere unterschiedliche Erkrankungen gleichzeitig, wie z. B. Stoffwechselerkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Durchblutungsstörungen. Aber auch die altersbedingten Veränderungen des Immunsystems, des Atmungssystems, des Ernährungszustandes, des Flüssigkeitshaushaltes und des Hormonhaushaltes, nehmen Einfluss auf die Wundheilungsvorgänge.

Körperliches Alter Wundalter Seneszenz
  • Schlechtere Regenerationsfähigkeit
    • Körper insgesamt
    • Gewebe
  • Multimorbidität (in der Regel mit Polymedikation)
  • Verlangsamung/Reduzierung der Zellteilungsrate
  • Verringerung des Kollagenaufbaus und der Kollagenstabilität
  • Verringerung der Hautdichte, schlechter ernährte Haut
  • Verschlechterung der Nährstoffresorption
  • Verschlechterung der Epithelisierung
  • Schlechterer Immunstatus
  • Je älter eine Wunde ist, desto länger braucht sie in der Abheilung.
  • Rezidive heilen schlechter als Erstwunden, da Narbengewebe aus "einfachem" Bindegewebe besteht.
  • Überalterung von Zellen.
  • Es findet keine Zellteilung (Mitose) mehr statt.
  • Insbesondere bei seneszenten Fibroblasten Verzögerung oder Stagnation der Wundheilung.

Wundalter

Beim Wundalter spricht man vom Zeitraum von der Entstehung bis zum aktuellen Zustand.

Je älter eine Wunde ist, desto länger benötigt sie in der Regel für die Abheilung. Das heißt, bei der Therapie einer älteren Wunde, ist man bestrebt, die physiologische Wundheilung wieder in geregelte Bahnen zu führen, die sie aufgrund ihrer Chronifizierung verlassen hat.

Zellalter

Häufig finden sich in chronischen Wunden sog. senezente Zellpopulationen. Darunter versteht man die Überalterung von Zellen, die sich aufgrund dessen nicht mehr teilen und auch ihre Arbeit nicht mehr verrichten. Insbesondere die Seneszenz von Fibroblasten, denjenigen Zellen, die für die Kollagenbildung zuständig sind, kommt es zu einer Verzögerung oder gar Stagnation der Wundheilung.

Mögliche Gründe für eine Seneszenz sind beispielsweise Malnutrition und der daraus resultierende Eiweißmangel, oxidativer Stress, chronische Entzündungsprozesse.

Austrocknung

Zellen sind bei trockenen Wundverhältnissen nicht beweglich!

  = Migration ist vermindert/verhindert.

  = alle Vorgänge sind verzögert.

Blutzucker

Betroffene mit einem Diabetes mellitus leiden häufig an Wundheilungsstörungen und auch Wundinfektionen, was daran liegt, dass diese Patientengruppe aufgrund ihrer Erkrankung zu den immuninkompetenten Patienten gehört. Dies liegt daran, dass ein länger bestehender Diabetes mellitus zu einer Unterdrückung des Immunsystems führt, die eine Verschlechterung der Wundheilungsvorgänge und ein erhöhtes Infektionsrisiko zur Folge hat.

Zudem kommt es bei stetig erhöhten Blutzuckerwerten zu Ablagerung in den Gefäßen der Wunde, was zu einer schlechteren Durchblutung im Wundgebiet führt, wodurch die Heilungsvorgänge zusätzlich verzögert werden.

Chemotherapie/Bestrahlung

Therapien, wie Chemotherapie und/oder Bestrahlung, greifen massiv in den Zellstoffwechsel ein. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Therapie kurativ oder palliativ durchgeführt wird. Insbesondere sich schnell teilende Zellen, zu denen auch die in der Wunde gehören, leiden darunter. Im Zusammenspiel zwischen Chemotherapie und/oder Bestrahlung, wird es immer aufgrund dieser Wirkung zur Verschlechterung der Wundheilung kommen. Zudem wird das Immunsystem durch diese Therapien in Mitleidenschaft gezogen. Das Immunsystem ist jedoch maßgeblich an der Steuerung der Wundheilungsvorgänge beteiligt, sodass es auch aus diesem Grund zur Verschlechterung der Wundverhältnisse bzw. zur Verzögerung bis hin zum Stillstand der Wundheilung kommt.

Compliance/Adhärenz

Die Mitarbeit des Betroffenen ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Wundtherapie. Ohne diese kann keine erfolgreiche Therapie stattfinden, insbesondere wenn es um Kausaltherapien (wie beispielsweise Kompressionstherapie bei der Behandlung eines Ulcus cruris venosum, Druckentlastung beim Dekubitus oder diabetischen Fußulcus) oder um eine Rezidivprophylaxe zur Vermeidung einer neuen Wunde geht.

Deshalb nimmt die Patientenedukation, mit seinen Teilen Beratung, Schulung und Anleitung, einen wichtigen Part in der Wundversorgung ein. Ein Betroffener, der sowohl versteht, wie seine Wunde entstanden ist, als auch den Grund für seine Therapie kennt, kann zum Behandlungserfolg betragen.

Druck

Lokal auf die Wunde ausgeübter Druck, wirkt sich negativ auf die Wundheilung aus. Wie schädigenden die Einwirkung von Druck ist, zeigt sich daran, dass dieser selbst Auslöser für Wunden (Dekubitus, diabetisches Fußulcus) ist.

Wird Druck nicht von einer Wunde genommen, kann es nicht zur Abheilung der Wunde kommen, da das Gewebe immer wieder in Mitleidenschaft gezogen wird. Druckbedingt kann es auch zur Verschlechterung der Wundverhältnisse kommen und sich die Wunde dadurch vergrößern.

Durch die Veränderung der Position lassen sich Folgeschäden durch Druck vermeiden.

Durchblutung

Die Wundheilung ist von einem regulären Sauerstofftransport abhängig. (Hunt et al. 2004) Zu den wichtigsten Faktoren gehören hierbei:

  • Hämoglobin
  • Arterielle Durchblutung
  • Venöser Rückfluss
  • Kreislaufaktivität

Eine gute Durchblutung ist für die Wundheilung unerlässlich. Dies gilt sowohl für arterielle wie auch venöse Durchblutungsverhältnisse. Störungen der Blutversorgung, führen zu Wundheilungsverzögerungen.

Bei einer schlechten arteriellen Durchblutung wird das Wundgebiet nicht ausreichend mit den Sauerstoff und den nötigen Nährstoffen für die Wundheilung versorgt. Außerdem besteht ein erhöhtes Risiko für eine Wundinfektion, da durch die mangelhafte Durchblutung auch keine Abwehrzellen in ausreichender Zahl im Wundgebiet vorhanden sind.

Bei einer venösen Rückflussstörungen, die nicht durch eine adäquate Kausaltherapie behoben wird, kommt es zu keiner Abheilung der Wunde, da die Ursache weiter bestehen bleibt.

Ernährung/Flüssigkeitshaushalt

Wundheilungsvorgänge sind solche, die sowohl viel Energie als auch Nährstoffe erfordern. Insbesondere Eiweiß ist ein wichtiger Baustein für die Wundheilung. Deshalb ist es wichtig, einen Ernährungsstatus zu erheben und Defizite, im Rahmen der Möglichkeiten, auszugleichen. Neben Eiweiß sind bestimmte Vitamine und Spurenelemente für die Vorgänge in der Wunde notwendig.

Die Folgen einer Malnutrition für die Wundheilung sind:

  • Stagnation der Wundheilung durch Malnutrition
  • Vermehrt Wundheilungsstörungen, wie Eiterungen und Dehiszenzen
  • Schlecht beherrschbare Wundinfektionen
  • Reduktion der Fibroblastenbildung
  • Mangelnde Kollagenstabilität → Gewebebrüchigkeit ↑
  • Mangelhafte Neoangiogenese
  • Schlechter Wundverschluss → Epithelisierung ↓, Narbenbildung ↓
  • Verringerte Bildung von Wachstumsfaktoren und sonstiger für die Wundheilung wichtiger Zellen


Nährstoffe und Funktion in der Wundheilung

Nährstoff Wichtig in der Wundheilung für:
Vitamin A
  • Synthese von Glykoproteinen und Proteoglykanen
  • Kollagensynthese und Kollagenstabilität
  • Stimulation für den Beginn der Wundheilung
  • Fördert Fibroblasteneinbau in das Kollagengewebe
  • Epithelisation/Narbenbildung
  • Infektionsschutz
  • Antioxidation
  • Unterstützung des Immunsystems
  • Wichtig für die Verstoffwechselung von Eiweiß
Vitamin C (Ascorbinsäure)
  • Kollagenbildung, erforderlich für Kollagensynthese zum Aufbau und Erhalt von Haut, Bindegewebe, Knochen
  • Gute Kapillarentwicklung
  • Narbenbildung
  • Infektionsschutz (fördert die Produktion von Antikörpern und Interferon sowie Lymphozytenfunktion)
  • Antioxidation
Vitamin E (Tocopherole)
  • Zellschutz durch antioxidative Wirkung
  • Durchblutungsfördernd → Hypoxieschutz für das Wundgebiet
  • Stimuliert zusammen mit Selen die Antikörpersynthese
Vitamin K (Phyllochinon)
  • Blutgerinnung
  • Blutstillung
  • Infektionsschutz
Vitamin B5 (Panthotensäure)
  • Energiegewinnung
  • Beschleunigt die Abheilung geschädigter Schleimhaut
  • Fördert Epithelisation
Vitamin B6 (Pyridoxin)
  • Zellteilung
  • Zellwachstum
  • Proteinsynthese (Aktivierung)
  • DNS-Bildung
  • Unterstützung des Immunsystems
  • Notwendig für die Synthese von Hämoglobin und für Zellteilung
Vitamin B7 (Biotin)
  • Wichtig für gesunde Haut.
  • Spielt eine Rollte beim Fett- und Eiweißstoffwechsel, bei der Umsetzung der im Erbgut enthaltenen Informationen.
Vitamin B12 (Cobalamin)
  • Zellteilung
  • DNS-Bildung
  • Koenzym für Protein- und DNA-Synthese
Folsäure (Vitamin B9)
  • Bildung der Nukleinsäuren DNS und RNS
  • Zellneubildung
  • Bedeutsam für alle Wachstumsprozesse, bei denen Zellteilungen stattfinden.
Zink (Zn)
  • In mehr als 70 Enzymen enthalten
  • Bildung von Granulationsgewebe
  • Proteinsynthese
  • Proliferation von Fibroblasten
  • Infektionsschutz
  • Antioxidation
  • Spielt eine wesentliche Rolle in der zellulären Abwehr (Lymphozyten)
  • Wichtig für die Regulierung des Blutzuckerspiegels
Eisen (Fe)
  • Kollagenvernetzung
  • Sauerstoffversorgung
  • Sauerstofftransport
  • Immunstabilität
Kupfer (Cu)
  • Kollagenvernetzung
  • Kollagenstabilität
  • Unterstützung der Immunabwehr
  • Kofaktor für die Bildung von Bindegewebe
  • Unentbehrlich für Energiegewinnung der Zellen mit Sauerstoff (sog. Zellatmung)
  • Wichtig für Sauerstoffverwertung
  • Bestandteil vieler wichtiger Enzyme im Eiweißstoffwechsel
Selen (Se)
  • Schutzstoff für neues Gewebe
  • Infektionsschutz
  • Verbesserte Entzündungsaktivität (Immunantwort)
  • Antioxidation
Silizium (Si)
  • Zellerneuerung
  • Infektionsschutz
  • Stabilität/Elastizität von Bindegewebe
Calcium (Ca)
  • Kofaktor von Kollagenasen (Enzyme)
  • Kollagenstoffwechsel
Magnesium (Mg)
  • Synthese von Kollagen und Grundsubstanz
  • Zellregeneration
  • Sauerstoffnutzung/-versorgung
  • Energiegewinnung
Proteine
  • Proteinsynthese
  • Zellproliferation
  • Infektionsbekämpfung (→ Abwehrzellen, Immunglobuline)
  • Bildung von Granulationsgewebe und Bindegewebe
Fette
  • Energielieferant für Wundheilungsvorgänge
  • Bestandteil von Zellmembranen
  • Bildung von Prostaglandinen
  • Entzündungshemmung
Kohlenhydrate
  • Energielieferant zur Aufrechterhaltung des Wundstoffwechsels
  • Bestandteil von Glykoproteinen
  • Beteiligt am Aufbau von Knochen, Knorpel, Bindegewebe

Ernährungszustand

Nicht nur kachektische sondern auch adipöse Menschen, können unter einer Malnutrition leiden. Deshalb ist es wichtig, einen Ernährungsstatus (z. B. Bedarfsberechnung, Blutuntersuchung) zu erheben und entsprechend zu handeln.

Kachexie Adipositas
  • Nährstoffmangel, insbesondere an Eiweiß
  • Vorhandensein von seneszenten Zellpopulationen, da keine neuen Zellen aufgrund des Eiweißmangels gebildet werden können
  • Schlechter Immunstatus
  • Schlechte Epithelisierung
  • Schlechte Narbenbildung
  • Reduzierte Gewebedurchblutung von adipösem Gewebe
  • erhöhte Spannung auf die Naht durch das Gewicht des vermehrten Körperfettes
  • Extreme Hautfalten = „feuchte Kammer“
  • Werden mit medizinischen Konditionen wie Typ 2 Diabetes assoziiert.
  • Ein adipöser/batriatischer Patient hat ein höheres Risiko für Dehiszenzen und Eviszeration (Exenteration), durch häufig einen ernsten Mangel an essentiellen Mineralien + Vitaminen, die für eine gute Wundheilung nötig sind.

Nährstoffzufuhr

Um den Bedarf an Nährstoffen für die Wundheilung zu decken, ist in der Regel eine erhöhte Zufuhr nötig, insbesondere an Eiweiß, dem wichtigsten Baustein für den Körper. Der Ausgleich muss natürlich unter Berücksichtigung sonstiger Ko-Morbiditäten erfolgen.

Gegebenenfalls muss die Nährstoffzufuhr durch Supplemente, Trink- oder Sondennahrung ausgeglichen werden.

Aufnahme bzw. Angebot ist abhängig von:

  • Appetit
  • Fähigkeit zur Nährstoffaufnahme
  • Resorptionsfähigkeit

Flüssigkeitshaushalt

Flüssigkeit ist bei der Zellneubildung, bei der Zellbewegung und für die Lebensfähigkeit von Zellen unerlässlich.

Da es, insbesondere bei großen Wunden, zu größeren Flüssigkeitsverlusten kommt, muss entsprechend Flüssigkeit zugeführt werden, um die Verluste auszugleichen. Dabei ist auf eventuelle Flüssigkeitsrestriktionen (z. B. bei Niereninsuffizienz, Herzinsuffizienz, Leberinsuffizienz) zu achten.

Bei großen Wunden kann es in der Exsudationsphase zu hohen Flüssigkeitsverlusten (bis 1,5 Liter) kommen, die ausgeglichen werden müssen.

Erhöhte Proteasenaktivität (EPA)

Proteasen sind Enzyme, die Proteine abbauen, indem sie diese in zwei oder mehr Teile aufspalten und somit deren Struktur verändern. Im Heilungsverlauf einer normalen Wunde, haben sie die Aufgabe, den Körper beim Abbau von Proteinen in der Wunde zu unterstützen, z. B. bei der Beseitigung von geschädigtem Gewebe, das bei der Wundentstehung verursacht wurde.

In der physiologischen Wundheilung sorgen Proteasen also dafür, dass Eiweiß von geschädigtem Gewebe abgebaut wird.Nach Entstehung einer Wunde steigt die Proteasen-Aktivität schnell an und nehmen ab dem 5. Tag wieder ab.

Bei chronischen Wunden kommt es vor, dass die Proteasenanzahl und deren Aktivität über das normale Maß hinaus anhält und höhere Werte erreicht. Diese EPA kann zu einer ungezielten Zerstörung von Proteinen führen, die wichtig für die Wundheilung sind, z. B. Wachstumsfaktoren, Rezeptoren usw. Diese anhaltende schädigende Wirkung der Proteasen kann die Entzündungsreaktion und die Freisetzung von schädlichen Sauerstoffspezies weiter stimulieren.

Durch die erhöhte Proteasenaktivität tritt in die Wunde in einen Teufelskreis (Cullen-Kreis) ein, was zu einer Verzögerung oder einem Stillstand der Wundheilung führt.

Gewebeoxygenierung

Alles, was die volle Sauerstoffversorgung beeinträchtigt, beeinträchtigt die Wundheilung:

  • Verminderter Gasaustausch (z. B. in der Lunge durch vorbestehende Lungenschäden) = verringerter Sauerstoffgehalt im Blut,
  • Zu niedrige Hämoglobinwerte = inadäquaten Sauerstofftransport,
  • Niedriger Blutdruck kann oxigeniertes Blut nicht durch die Kapillaren bringen,
  • Insuffiziente arterielle und kapillare Versorgung im Wundgebiet.

Jedes dieser Probleme, sowohl einzeln wie auch in Kombination, enthält der Wunde den Sauerstoff  für eine erfolgreiche Heilung vor!

Grunderkrankung

Der Einfluss auf die Wundheilung ist abhängig davon, welche Grunderkrankung vorliegt und wie physiologische Vorgänge im Körper gestört sind.

Grunderkrankung = Verursacher eines Wundtyps.

Hemmender Einfluss durch, z. B.:

  •   Tumore
  •   Autoimmunkrankheiten
  •   Infektionen
  •   Bindegewebserkrankungen (z.B. rheumatischer  Formenkreis)
  •   Stoffwechselerkrankungen (z.B. Diabetes mellitus)
  •   Gefäßerkrankungen (z.B. pAVK, CVI)
  •   Genetische Erkrankungen (z.B. Klinefelder Syndrom)

Haustiere

Haustiere stellen oftmals die einzigen Sozialkontakte für den Betroffenen dar und sorgen für Stabilität. Solange hygienische Richtlinien eingehalten werden, müssen Tiere nicht abgegeben werden.

Hygienische Vorgaben sind:

  • Während des Verbandswechsels darf sich das Tier nicht im selben Zimmer aufhalten.
  • Verbandstoffe müssen unzugänglich aufbewahrt werden (z. B. Plastikbox mit Deckel, in einem Schrank, in einer Schublade).
  • Reinigung (Wischdesinfektion) der Ablageflächen vor dem Verbandswechsel
  • Regelmäßige Reinigung der Liegeplätze/der Käfige
  • Tiere dürfen nicht in den Wunden lecken / mit der Wunde in Kontakt kommen
  • Tiere, die nach draußen dürfen, müssen regelmäßig entwurmt werden und frei von Ektoparasiten sein.

Hautzustand

Eine möglichst intakte Haut, ist eine wichtige Voraussetzung für eine gute Epithelisation und Narbenbildung.

Schlecht gepflegte Haut trägt zur schnelleren Entstehung bzw. Vergrößerung einer Wunde bei, ebenso wie Allergien oder Hauterkrankungen vorgeschädigter Haut. Deshalb ist eine gute Hautbeobachtung und eine angepasste Pflege sehr wichtig.

Immunstatus

In der Wundheilung spielen Vorgänge des Immunsystems eine wichtige Rolle. Bestehen hier Defekte oder Beeinträchtigungen (angeboren oder erworben) sowie alters-, therapie- oder krankheitsbedingte Schwächung, führen diese zu einer Infektanfälligkeit, einer mangelhaften Immunantwort auf eingedrungene Keime, schlecht beherrschbaren Wundinfekten und zu einer Verschlechterung der Abheilung der Wunde.

Jede Krankheit oder Medikation, die das Immunsystem unterdrückt oder in Mitleidenschaft zieht, kann die Wundheilung zum Stillstand bringen.

Infektion

Nicht nur lokale, sondern auch systemische Infektionen führen zu Veränderungen der Wundheilungsvorgänge, die in der Regel bei manifesten Infektionen stagnieren.

Erhöhte Keimlast

Bei einer erhöhten Keimlast, kommt es noch zu keiner Ausbildung von Infektionszeichen, allerdings kann die Wundheilung verzögert oder gar zum Erliegen gekommen sein. Dies liegt daran, dass die Anzahl der Keime in der Wunde, den Körper dazu veranlassen, sich auf eine mögliche Infektion zu konzentrieren. Die Ressourcen des Immunsystems sind sozusagen für die potentielle Gefahr einer Wundinfektion gebunden, sodass die Wundheilung im Bezug auf das Immunsystem an die zweite Stelle rückt.

Systemisch

Alle systemischen Infektionen, wie z. B. Atemwegsinfekte, Harnwegsinfektionen usw. beeinflussen die Wundheilung negativ und kann zur Stagnation oder gar zur Verschlechterung der Wundverhältnisse führen, da der Körper mit der Bekämpfung der Infektion beschäftigt ist.

Lokal

Lokale Wundinfektionen behindern die Wundheilung, aufgrund der Bindung des Immunsystems für die Infektbekämpfung.

Maligne Erkrankung/Terminalphase

Bei einer vorliegenden potentiell tödlichen Erkrankung, verschlechtert sich eine Wundheilung, da es bei Fortschreiten zu einer Verschlechterung des Allgemeinzustandes kommt. Dieser wiederum beeinträchtigt das Immunsystem.

Terminalphase

  • Keine Wundheilung mehr möglich.
  • Keine ausreichende Gewebedurchblutung mehr.
  • In der Regel deutliche Verschlechterung der Wundsituation kurz vor dem Tod.
  • Mögliches Auftreten von Kennedy Terminal Ulcers in der Finalphase.

Manipulation

Jede Manipulation in der Wunde birgt das Risiko von:

  • Gewebeverletzungen
  • Einschleppung von Keimen
  • Auskühlung / Austrocknung der Wunde

Medikamente

Verschiedene Medikamente (z. B. Cortison, gerinnungshemmende Medikamente, Zytostatika, Immunsuppressiva) wirken sich negativ auf die Wundheilung aus; entsprechend ihrer Wirkung im Körper, insbesondere die Bildung von Granulationsgewebe und Narben beeinflusst. Maßgebend sind Dosis, Zeitpunkt der Gabe und die Therapiedauer.

Mobilität/Bewegung

Zum einen fördert Bewegung Mobilität und die Durchblutung im Gewebe, wodurch es zu einer Verbesserung der Sauerstoff- und Nährstoffzufuhr kommt.

Gleichzeitig wirkt sich eine Überbelastung durch Bewegung für Wunden negativ aus.

Mobilität fördert:

  • Muskeltonus ↑
  • Durchblutung des Gewebes ↑
  • Zellteilungsrate ↑
  • Abtransport von Stoffwechselprodukten↑
  • Förderung der Kollateralbildung

Psyche

Eine erfolgreiche Wundbehandlung erfordert ein hohes Maß an Patientenkooperation. Psychische Erkrankungen, Sucherkrankungen und Suchtverhalten sowie Selbstschädigungstendenzen setzen die Kooperation in hohem Maße herab, sodass eine adäquate Therapie oft nicht möglich ist.

Rauchen

Rauchen beeinträchtigt die Wundheilung auf verschiedene Weise. Die im Zigarettenrauch enthaltenen Giftstoffe (Hydrogencyanid, Kohlenmonoxid und Nikotin) haben teilweise zerstörerische Effekte auf die Wundheilungsvorgänge.

  • Hydrogencyanid (Blausäure, Cyanwasserstoff) hemmt den Sauerstofftransport.
  • Kohlenmonoxid bindet sich an Hämoglobin und verdrängt somit den Sauerstoff.
  • Nikotin ist ein sog. Vasokonstriktor, das heißt, es führt zu einer Gefäßverengung.

Schmerz

Schmerz ist eine der größten Stresssituationen für den Körper und führt zur Ausschüttung verschiedener körpereigener, stressbedingter Hormone, z. B. Cortisol und Adrenalin.

Cortisol ist sozusagen das körpereigene Cortison und wirkt sich dämpfend auf das Immunsystem aus.

Adrenalin ist ein Vasokonstriktor und führt zur Verengung von Blutgefäßen, sodass sich die Durchblutung im Wundgebiet verschlechtern kann.

Schmerz führt viele Betroffene in einen Teufelskreis aus physiologischen und psychologischen Folgen.

Wundtemperatur

In der Wunde muss eine bestimmte Temperatur gegeben sein, sodass die Heilungsvorgänge vonstatten gehen können. Liegt die Temperatur unter diesem Bereich, kommt es zur Unterbrechung der Wundheilungsvorgänge.

  • Bei Auskühlung kommt es zum Stillstand der Wundheilungsvorgänge für mehrere Stunden.
  • Zellaktivität verlangsamt sich, kommt schließlich zum Stillstand, da bei < 28°C weder Mitose noch Zellwanderung möglich sind.
  • Immunabwehr in der Wunde geschwächt.
Zellaktivität Temperatur
hoch 33 - 38°C
deutlich verringert < 33°C
Stillstand < 28°C

Re-Erwärmung ca. 1°C pro Stunde!

Zu beachten: Bei jedem Verbandswechsel kommt es zur Auskühlung der Wunde. Deshalb sollte jeder Verbandswechsel so kurz wie möglich gehalten werden.

Eine Überhitzung führt zur Denaturierung von Eiweißen = Zellschädigung (wie im Fall von Verbrennungen/Verbrühungen).

Übersicht: Einflussfaktoren auf die Wundheilung

Lokale Faktoren Systemische & psychosoziale Faktoren
  • Schlechte Durchblutung
  • Erhöhte Hautspannung
  • Chirurgisch schlecht adaptierte Wundränder
  • Wunddehiszenz
  • Schlechter venöser Abfluss
  • Fremdkörper (-reaktionen)
  • Nekrose
  • Ödem
  • Exsudatstau
  • Austrocknung
  • Auskühlung
  • Dauernde Anwesenheit von Mikroorganismen
  • Infektion
  • Hypergranulation
  • Vorgeschädigtes Gewebe
  • Hypertrophes Gewebe
  • Exzessive Bewegung, z.B. über dem Gelenk
  • Mechanische Beanspruchung (z. B. durch Reiben des Verbandes, keine ausreichende Druckentlastung)
  • Scherkräfte
  • Wundrezidiv
  • Hohes Alter, allgemeine Immobilität
  • Schmerz
  • Verminderter Immunstatus
  • Arzneimittelwirkung (wie Immunsuppressiva, Kortikosteroide, Antikoagulantien), z. B. solche, die Entzündungsprozesse hemmen
  • Psychische Störungen/Erkrankungen
  • Instabile, problematische soziale Situation
  • Rauchen
  • Jede Art von Kreislaufschock
  • Angeborene Leukozytenfunktionsstörung
  • Gestörte Makrophagenaktivität (Malakoplakia)
  • Malnutrition, Mangel an Vitaminen und Spurenelementen
  • Unausgeglichener Flüssigkeitshaushalt
  • Maligne Tumorerkrankungen, Terminalstadium
  • Chemotherapie, Bestrahlungstherapie
  • Eingeschränkte Mobilität
  • Generalisierte Gefäßerkrankung, Veneninsuffizienz
  • Autoimmunerkrankungen und Vaskulitiden
  • Bakterielle Entzündung
  • Systemische Infektion

Physiologische Wundheilungsphasen

Physiologische Wundheilungsphasen sind die Phasen, die eine Wunde bis zur Abheilung durchläuft. Jede Wunde, die heilt, durchläuft verschiedene Phasen der Wundheilung.

Hierbei handelt es sich um 5 Wundheilungsphasen:

  1. Hämostase (Blutstillung)
  2. Exsudationsphase (auch Reinigungsphase, Inflammatorische Phase)
  3. Granulationsphase (auch Proliferationsphase)
  4. Epithelisierungsphase (auch Reparation)
  5. Regenerationsphase (auch Reifungsphase, Remodulierungsphase, Maturation)

Nicht immer werden alles fünf Phasen beschrieben.

Es gibt Modelle mit 3 Phasen, wobei die Hämostase und die Exsudationsphase zu einer Phase zusammengefasst werden. Ebenso die Epithelisierungsphase und die Remodulierungsphase, sodass sich folgende drei Phasen ergeben: Exsudationsphase, Granulationsphase und Remodulierungsphase.

Zudem gibt es Modelle, bei denen 4 Phasen angegeben werden: Exsudationsphase, Granulationsphase, Epithelisierungsphase und Regenerationsphase. Bei dieser Einteilung zählt die Hämostase zur Exsudationsphase.

Hämostase

Hämostase ist auch unter dem Begriff Blutstillung bekannt. Hierbei handelt es sich um eine unmittelbare Reaktion auf eine Verletzung. Der Körper versucht einen Blutverlust so gering wie möglich zu halten. Dies erreicht er, durch verschiedene Mechanismen.

  • Zusammenziehen der Kapillaren im Verletzungsgebiet.
  • Aktivierung der Gerinnungskaskade.
  • Vasokonstriktion (das Zusammenziehen größerer Gefäße), wodurch sich der Blutfluss verlangsamt.
  • Erythrozyten und Thrombozyten bilden ein Blutgerinnsel.
  • Fibrinfäden schlingen sich um den Thrombozytenpropf und bilden somit die Grundlage für einen Thrombus.
  • Der Thrombus bildet die Grundlage für die Haftung, Wanderung und Proliferation für den beginnenden Reparationsprozess.
  • Der anfänglichen Vasokonstriktion folgt eine Vasodilatation, die zu einer Hyperämisierung mit Rötung und Überwärmung der Haut führt.
  • Durch eine Zunahme der Gefäßpermeabilität kommt es zur Entstehung eines Wundödems.
  • Thrombozyten sezernieren zahlreiche Wachstumsfaktoren.

Exsudationsphase

Weitere Begrifflichkeiten für die Exsudationsphase sind Reinigungsphase oder inflammatorische Phase.

  • Es kommt zu einer starken Exsudation.
  • Ablaufende Entzündungsreaktion (Wichtig: Eine Entzündungsreaktion ist nicht gleichzusetzen mit einer Infektion!).
  • Es folgt eine Einwanderung verschiedener Leukozyten, wie Makrophagen, Granulozyten, später auch Monozyten und Lymphozyten.
  • Makrophagen und Granulozyten übernehmen die Keimabwehr und den Abbau von Zelltrümmern durch Phagozytose. Dadurch kommt es zu einer aktiven Wundreinigung (Autolyse).
  • Es besteht eine gesteigerte Zellaktivität
  • Abgestorbene Leukozyten setzten proteolytische (eiweißspaltende) Enzyme frei

Bei immunabwehrgeschwächten Patienten kommt es zu einer unterdrückten bzw. abgeschwächten oder verzögerten Entzündungsreaktion (Inflammation).

Granulationsphase

Auch Proliferationsphase genannt.

  • Aufbau von Granulationsgewebe (gefäß-, zell- und kollagenreich) durch Fibroblasten. Es kommt zur Defektfüllung.
  • Es findet eine Neubildung von Gefäßen statt, die sog. Neoangiogenese.
  • Die Exsudation lässt nach.
  • Durch Beteiligung von Myofibroblasten kommt es zur Wundkontraktion, die dazu beiträgt, dass sich die Wundfläche verkleinert.
  • Beginnende Epithelisierung vom Wundrand aus.
  • Kollagenaufbau durch Fibroblasten ("Bauarbeiter der Wunde").
  • Makrophagen setzen kontinuierlich Wachstumsfaktoren frei. Diese sind wichtig für die Regulation und Stimulation des Gewebeaufbaus.

Epithelisierungsphase

Ist zudem unter dem Begriff Reparation bekannt.

  • Die Exsudation lässt weiter nach, sodass es zur Abtrocknung des Granulationsgewebes kommt.
  • Neues Epithel bildet sich und überdeckt die Wunde vom Wundrand aus.
  • Die neugebildeten Kollagenfasern reifen aus.
  • Es entsteht ein erstes Narbengewebe.
  • Die Wundkontraktion schreitet weiter fort. (Dadurch wird das später endgültig ausgebildete Narbenareal immer deutlich kleiner sein, als die ursprüngliche Wundgröße.)
  • Migration, Proliferation und Differenzierung von Keratinozyten.

Regenerationsphase

Diese Phase wird auch Remodulierungsphase, Maturation oder Reifungsphase genannt.

  • In dieser Phase bildet sich das endgültige Narbengewebe.
  • Es kommt zur Verstärkung und Reorganisation der Kollagenfasern, mit Ausbildung einer zell- und gefäßarmen Narbe (mit Verlust der Hautanhangsorgange)
  • Eine kapillare Regression findet statt, d. h. nicht mehr benötigte Kapillaren werden zurückgebildet.
  • Ausbildung der Belastungsstabilität des Gewebes.
  • Wichtig: Narbengewebe verfügt nur noch über max. 80% der ursprünglichen Belastbarkeit von intaktem Gewebe!


Wie lange eine Wunde benötigt, um zu verheilen, hängt von der Wundgröße und -tiefe ab. Zudem ist es abhängig vom jeweiligen Zustand des Betroffenen. Bei Personen mit einem schlechten Immunstatus, laufen die benötigten, immungetriggerten Wundheilungsvorgänge abgeschwächt oder verzögert ab, wodurch sich die Abheilungszeit verlängert.

Heilungsmechanismen

Es gibt zwei verschiedene Heilungsmechanismen, die bei einer Entstehung einer Verletzung, vonstatten gehen: Reparatur und Regeneration.

Reparatur

Bei der Reparatur ersetzt der Körper das geschädigte Gewebe durch Bindegewebe; eine Narbe entsteht.

Reparative Wundheilung

Diese finden man bei:

  • Primärheilung
  • Sekundärheilung
  • Tertiärheilung

Diese Wundheilungsarten führen immer zur Bildung von Narbengewebe.

Regeneration

Bei der Regeneration ersetzt der Körper das geschädigte Gewebe durch den identischen Zelltyp.

Regenerative Wundheilung

Diese findet man bei:

Oberflächlichen Verletzungen

Also solche, bei denen nur die Epidermis betroffen ist und die Basalzellen erhalten sind. Hier kommt es zu einer narbenfreien Ausheilung der Verletzung durch Epithelisierung. Typische Wunden hierfür sind oberflächliche Hautabschürfungen.

Schleimhautverletzungen

Bei Verletzungen der Schleimhaut, werden die zerstörten Zellen durch identische Zellen ersetzt, da es sonst zum Verlust der physiologischen Schleimhautfunktion kommen würde.

Auch im weiblichen Genitale kommt es zu einer regenerativen Wundheilung.

Palliative Wundversorgung

Palliative Wundversorgung heißt, dass der Betroffene sich in einer Situation befindet, in der trotz aller Maßnahmen, die ergriffen werden, es aufgrund der Erkrankung bzw. des Zustandes des Menschen zu keiner Abheilung der Wunde mehr kommen kann. Dies betrifft in der Regel Menschen am Ende ihres Lebens, bei denen der Tod absehbar ist. (Danzer, 2013)

Die Zielsetzung im palliativen Setting im Bezug auf die Versorgung ist bei allen Wunden gleich, unabhängig davon, um welchen Wundtyp es sich handelt, wie z. B. Tumorwunden/malignom-assoziierte Wunden, chronische Wunden (wie Ulcus cruris, Dekubitus, Diabetisches Fußulcus) oder Terminale Ulzerationen. Ziel ist der Erhalt bzw. die Verbesserung der Lebensqualität.

Unterteilung

Heilbare Wunden bei unheilbarer Erkrankung

Ziel: Abheilung der Wunde mit dem Bestreben die Lebensqualität zu verbessern, trotz unheilbarer und progredienter (fortschreitender) Erkrankung.

Umfasst z. B. die Behandlung der Wunde (z.B. Dekubitus niedriger Kategorie, Hautläsion, usw.) mit hydroaktiver Wundversorgung, um in der verbleibenden, begrenzten Lebenszeit eine Abheilung der Wunde zu erreichen. In der Regel handelt es sich hierbei um kleine und/oder oberflächliche Wunden.

Unheilbare Wunden bei unheilbarer Erkrankung

Ziel: Erhalt bzw. Förderung/Verbesserung der Lebensqualität durch Symptomkontrolle bzw. –linderung durch Symptommangement.

Verwendung von entsprechenden Wundauflagen, um eine Stabilität in der Wunde zu erreichen (bei Nicht-Tumorwunden), Vermeidung von Komplikationen wie Infektionen, Blutungen, Geruch, usw. (sowohl bei Nicht-Tumorwunden als auch bei exulzerierenden Tumorwunden) und einer Linderung von auftretenden Symptomen (Blutungen, Geruch, Exsudation, Schmerz, Juckreiz, usw.).

Symptommanagement

Unter Symptommangement versteht man das Ergreifen von Maßnahmen, um ein Symptom zu kontrollieren bzw. zu lindern.

Übersicht: Symptommanagement_S.Danzer

Die in der der palliativen Wundversorgung wichtigsten Symptome sind:

  • Blutung
  • Geruch
  • Exsudation
  • Infektion
  • Schmerz
  • Wundrand und –umgebung (zur Vermeidung von (zusätzlichen) Schädigungen)
  • Juckreiz

Strategie

Da es einfacher ist, bei einer kleinen Wunde Exsudation, Geruch, Blutung usw. zu kontrollieren, werden manchmal palliative Chemotherapie, Bestrahlung, Hormontherapie, Antikörpertherapie oder Elektrochemotherapie eingesetzt, um die Größe maligner Wunden zu reduzieren und Symptome zu lindern.

Hierbei werden onkologische Therapien im Rahmen der Symptomlinderung eingesetzt.

Grundsätze

  • Je näher der Tod ist, desto mehr verschlechtert sich der Wundzustand. Dies ist unabhängig vom Wundtyp.
  • Die Wunddokumentation in einer palliativen Wundversorgung:
    • Entspricht der Dokumentation einer chronischen Wunde. (Oder separate Wunddokumentationsbögen.)
    • Sollte regelmäßig durchgeführt werden, insbesondere im Hinblick auf Tumorwachstum.
    • Verlauf der Symptome wird dokumentiert.
    • Vermerken, ob palliative Chemo-/Bestrahlungstherapie durchgeführt wird, da dies zur Verschlechterung der Wunde führt.
    • Im Bemerkungsfeld z. B. ergänzen: Tumorbelag, Tumorgewebe, Metastasen usw. (falls nicht in den Bögen vorhanden)
  • Im Bezug auf die Dekubitusprophylaxe:
    • Vermerk, wenn kein Positionswechsel durchgeführt werden kann!
    • „Normales“ Weiterführen eines Bewegungsplans.
    • Hinweis auf erschwerende Symptome, wie lagebedingte Dyspnoe, lagebedingte Krampfanfälle usw.
  • Vom Prinzip gleicht die palliative Wundversorgung der Versorgung von chronischen Wunden
  • Je nach Zustand: Lebensqualität hat oberste Priorität!
  • Behandlung der wundspezifischen Problematiken je nach Wundtyp.

Off-label use

Die palliative Wundversorgung ist der einzige Bereich der Wundversorgung, in dem mit Off-label use gearbeitet wird.

Definition Off-label use

"Unter off-label use (zulassungsüberschreitende Anwendung) versteht man eine außerhalb des in der Zulassung beantragten und von den nationalen oder europäischen / internationalen Zulassungsbehörden genehmigten Gebrauchs hinsichtlich der Anwendungsgebiete (Indikationen) eines Fertigarzneimittels."

In der palliativen Wundversorgung werden also Substanzen eingesetzt, die nicht primär für die Wundbehandlung zugelassen sind. Zum Beispiel Augentropfen, Nasentropfen, Antacida, Adrenalin, Metronidazol …

Der Off-label use dient hierbei der Symptomlinderung, insbesondere bei der Versorgung von Tumorwunden.

Literatur

  • Danzer, S. (2019): Wundbeurteilung und Wundbehandlung, 2. Auflage, W. Kohlhammer Verlag
  • Danzer, S. (2014): Chronische Wunden - Beurteilung und Behandlung, 4. Auflage, W. Kohlhammer Verlag
  • AWMF-Leitlinie: Lokaltherapie chronischer Wunden bei Patienten mit den Risiken periphere arterielle Verschlusskrankheit, Diabetes mellitus, chronisch venöse Insuffizienz, Registrierungsnummer: 091-001, Entwicklungsstufe: S3
  • Danzer, S. (2016): Palliative Wundversorgung, W. Kohlhammer Verlag